Archive for the ‘21.10.2009, Mittwoch’ Category

Und wo geht’s nun lang?

21.10.2009
Nils Müller

Nils Müller

Nils Müller, MBA Founder & CEO TrendONE, Hamburg

Nils Müller interessiert sich für die Zukunft. An den Comdays peilt er das Jahr 2021 an. Seine Präsentation ist lebendig und fesselnd. So wie die Zukunft eben.

Computer? Vergessen Sie’s! 2021 sind Realität und Virtualität längst verschmolzen. Dasselbe gilt übrigens auch für Video und Print. An Bildschirm und Handy dürfen Sie sich vielleicht sogar Ihre eigene Realität machen.

Warum einen Laden aufsuchen, wenn Sie die Ray Ban-Sonnenbrille, die Sie ins coolste Licht setzt, am Bildschirm anprobieren … Verzeihung tracken, können. Kaufen auch. Alles wird übrigens transparenter. Auch Sie. Man erkennt Sie nämlich per Handschlag. Ihr Gegenüber liest Ihren Namen und Ihre Vorlieben von Ihrem T-Shirt ab. Per Gesichtserkennungsfunktion. Natürlich stehen Sie auch nie mehr bei Starbucks in der Schlange. Weil Sie Ihren Lieblingskaffee schon längst per Handy bestellt und bezahlt haben und nur noch abholen müssen.

Bücher? Klar! Mit Texterkennung lassen wir diese allerdings künftig vorlesen. Und erfahren auch gleich, was andere Leser darüber denken. Werben können Sie auch. Virtuell und wirksamer denn je. Auch im Print. Fragen Sie Nils Müller. Sie werden es allerdings kaum glauben, was der Ihnen alles erzählt. Und was alles möglich ist. In der Zukunft von 2021. Nur so viel: Es ist für jeden was dabei.

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Was ändert sich für den klassischen Journalismus?

21.10.2009

Paneldiskussion, Teilnehmer:

Dominique von Burg Président Conseil suisse de la presse
Roger de Weck Publizist
Markus Somm Stv. Chefredaktor «Die Weltwoche»
Catherine Duttweiler Chefredaktorin «Bieler Tagblatt»

Moderation:
Christine Maier Schweizer Fernsehen, SF, Zürich

Dominique von Burg: Die Zunahme von Beschwerden zu Persönlichkeitsverletzungen hat zu tun, dass Inhalte an Personen festgemacht werden. Diese Rügen haben rein moralische Konsequenzen, zu Bussen werden die Journalisten nicht verurteilt. Sitzungen des Presserats waren nicht öffentlich, für Journalisten haben wir sie teilweise geöffnet. Unsere Tätigkeit ist aber nicht mit einem Gericht zu vergleichen.

Catherine Duttweiler: Wir geben uns grosse Mühe, jeden Tag eine überraschende, überzeugende Zeitung zu machen. Wir bewegen uns hier in einer beinahe «Googlefreien Zone», wir können hier in die Tiefe gehen. Mehr jedenfalls als ganz grosse Titel. Da haben wir eine besondere Position. Einsparungen mussten auch wir machen, haben die Effizienz gesteigert, wollen aber die Qualität halten. Seit drei Jahren müssen unsere Journalisten alle auch für die Online-Publikation arbeiten. Wir versuchen beide Plattformen so zu nützen, dass sie sich gegenseitig ergänzen.

Markus Somm: Die Weltwoche schreibt schwarze Zahlen, auch wenn wir einen grossen Rückgang bei den Inseraten hinnehmen mussten. Wir haben schon früh Personal abbauen müssen. Das hat gute Leute getroffen, das schmerzt.

Roger de Weck: Die Entwicklung der Wochenzeitung «Die Zeit» ist ein Gegenbeispiel zu vielem, was wir heute gehört haben. Sie registriert steigende Leserzahlen. Das stimmt zuversichtlich. Wenn eine Publikation fest mit der Region verhaftet ist, wenn sie quasi unverzichtbar ist (wie das Bieler Tagblatt), ist das eine grosse Chance. Auch gebührenfinanzierte, elektronische Medien sind sehr krisenresistent und sind so ein Hort für journalistische Qualität.

Markus Somm: Eigentlich ist jetzt eine gute Zeit für die Branche. Wir sind gezwungen, von gewissen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Um die Leser müssen wir uns intensiver kümmern, sie sind unsere Kunden. Bisher galt die Aufmerksamkeit eher den Werbekunden.

Roger de Weck: Die Branche kann mittelfristig Geld verdienen, wenn die Titel in eigene Recherchen investieren. Wer die Informationen hat, wird sie verkaufen können. Eine Zeit lang wurde viel Aufwand betrieben, um vorhandene Informationen zugänglich zu machen. Ich plädiere dafür, weniger zu machen; das dafür gut. Das heisst aber auch, dass man gewisse Themen fallen lassen muss, auch wenn das wehtut. Eine Zeitung muss, wie ein Gesprächspartner, um die Gunst, um die Aufmerksamkeit buhlen. Dafür muss sie spannend sein. Wer ein Profil hat, kann zulegen ohne exzessiv Marketing zu betreiben.

Dominique von Burg: Ich bin pessimistisch, wenn ich sehe, dass alle mehr oder weniger über das gleiche berichten. Gefragt ist Mut, von den Verlegern, in den Chefetagen. Was von dort kommt, führt bisher oft zu einer Standardisierung. Die Journalisten sollten den Mut haben, Originelles vorzutragen und dafür auch gegen allfällige Widerstände einstehen.

Catherine Duttweiler: Für viele Menschen gehört es nach wie vor zum täglichen Ritual, eine Zeitung in die Hand zu nehmen. Der Spagat besteht darin, Jüngere mitzunehmen und die Älteren als Leser zu behalten. Veränderungen, wie zum Beispiel Kostenpflicht einführen (iApps etc.), braucht Mut. Aber sie sind ein Weg, jüngere Leser an die Marke zu binden.

Markus Somm: Wenn ich lese, dass das neue Buch von Dan Brown, als Erstauflage (deutsch) in 1,2 Millionen Exemplaren erscheint, sagt mir das, dass die Leute nach wie vor gerne lesen. Gelesen wird auch noch in achttausend Jahren. Information ist wichtig, da sind wir uns alle einig. Glaubwürdige, gut gemachte Information ist nicht einfach zu machen. Der einzelne Journalist braucht auch den Mut, Dinge zu verfolgen, die der Kollege nebenan vielleicht nicht so «hübsch» findet.

Dominique von Burg: Marktforschung darf nicht immer der alleinige Massstab sein. Die kennen den Leser nicht wirklich.

Markus Somm: Die Leute wollen Geschichten hören und lesen. Die Journalisten müssen an ihre eigenen Leistungen glauben.

Roger de Weck: Tendenziell sind die guten Zeitungen in Europa besser geworden, die schlechteren eher schlechter. In dem Augenblick, als die Globalisierung an Wucht gewann, haben sich viele Medien wieder auf die lokale Berichterstattung konzentriert. Und zwar aus kommerziellen Interessen, das ist verwerflich. Nicht, weil der Leser sich nicht für internationale Themen interessiert. Das Informationsdefizit kann gefährlich sein. Umgekehrt werden unbedeutende Ereignisse gross abgefeiert oder sogar inszeniert. Diesen billigen Strategien müssen wir entgegenwirken.

Markus Somm: Wenn wir Geschichten aufbauschen, die nicht relevant sind, nehmen wir den Leser nicht ernst.

Christine Maier: Kennen wir die Leser noch?

Catherine Duttweiler: Ich glaube, dass ich die sehr wohl kenne. Ich bin mit ihnen im Kontakt. Das bringt mir mehr als Auswertungen wie «Reader Scan.» Wir müssen wir mit den Lesern in Dialog treten.

Christine Maier: Ist Qualität eine Frage des Geldes?

Dominique de Weck: Wenn man Geschehen gewichten will und das kompetent machen will, braucht es dafür genügend Personal. Wirklich leisten werden sich das nur wenige können. Man kann sich aber auf Themen konzentrieren, Schwerpunkte setzen.

Markus Somm: Wir müssen aufpassen, dass die wirklich guten Journalisten nicht in andere Berufe abwandern, wo sie mehr verdienen. Bundeshaus und Lokales sind das Rückgrat jeder Zeitung in der Schweiz. Da darf man nicht abbauen. Wenn Journalisten über viele Jahre im Bundeshaus präsent sind, ist das enorm viel wert. Aber das kostet etwas, wenn solche Berufsleute nicht abspringen sollen.

Roger de Weck: Wenn ein ehrgeiziger Journalist für die Weltwoche nach Afghanistan geht und die ultimative Geschichte, den ultimativen Schlüssel zum Verständnis liefert, dann ist das einfach unheimlich viel wert. Möglich ist das kaum mehr.

Dominique von Burg: In all dem was geschieht, braucht es jemanden, der Ordnung schafft. Dafür braucht es aber nicht zweihundert Redaktionen für zweihundert Zeitungen. Aber Leute, die sich im Ausland bewegen, die verstehen was geschieht, die braucht es. Vieles lässt sich rationalisieren, anderes sollte man bewusst ausbauen.

Catherine Duttweiler: National und regional können wir viel mehr bewegen. Ich setze mich auch dafür ein, dass am MAZ der Regionaljournalismus einen höheren Stellenwert erhält.

Markus Somm: Die Kernaufgaben der Presse sind seit ewig die gleichen. Die Leser wollen Fakten, das müssen wir liefern.

Roger de Weck: Die Leser haben unterschiedlichste Bedürfnisse. Wer sich nicht nur darauf konzentriert, ein gefälliges Produkt anzubieten, wird Erfolg haben. Wichtig ist eine deutlich wahrnehmbares, unverwechselbares Profil.

„Journalistische Qualität müssen die Verleger sich etwas kosten lassen“

21.10.2009
Philipp Cueni

Philipp Cueni

Philipp Cueni, SSM und Präsident Verein Qualität im Journalismus, Basel, Verantwortlicher Redaktor für das Medienmagazin EDITO

Für Philipp Cueni hat Journalismus eine eigene Kraft. Solange er qualitativ ausgerichtet ist. Nicht anders als bei den meisten anderen Referenten am heutigen Comdays-Tag, steht die Forderung nach Qualitätsjournalismus im Zentrum der Ausführungen. Hier aus Sicht der Medienschaffenden.

Das Berufsbild des Journalisten sei von unregelmässigem Arbeiten geprägt, was nachweislich belastend sei. Extra-Leistungen und –Recherchen würden in der Regel nicht honoriert, der Lohn sei in der Regel eher gut, das Sozialprestige hingegen gering.

In den Schweizer Redaktionen herrsche derzeit grosse Verunsicherung. Aber es gehe hier nicht ums Klagen, so Cueni und kommt auf das Eigentliche, der allseitigen Forderung nach qualitativ hoch stehendem Journalismus, zurück. Dieser führe eben auch über gute Arbeitsbedingungen. „Qualitätsjournalismus braucht gute Leute, sehr gute.“ Sehr gute Aus- und Weiterbildung seien damit unabdingbar. Ebenso wie Zeit – ein entscheidender Faktor für guten Journalismus.

600 entlassene Journalisten seien in einer kleinen Branche dramatisch, die sozialpolitischen und demokratiepolitischen Folgen schwerwiegend. Mit jedem entlassenen Journalisten ginge auch publizistisches Wissen verloren. Wie viele Journalisten es brauche, um die Demokratie sicherzustellen, sei schwer bezifferbar. „Vergleiche mit anderen Branchen hinken. Das ist keine Schraubenfabrik, wo sich die Zahl der Mitarbeiter am Schraubenbedarf orientiert.“ Sicher sei aber: Sinkt die Zahl der Journalisten unter eine bestimmte Grösse, habe dies einen Verlust von „Brain“ (Wissen, vor allem auch vertieftes und spezialisiertes Wissen) und Beobachtungsvielfalt zur Folge.

Journalismus überlebt, wenn er die Fragen der Gesellschaft qualifiziert beantwortet. Dafür brauche es Zeit und auch die Gewerkschaften seien sich darüber bewusst, dass dies Geld koste. Auch seien sie sich darüber im Klaren, dass die Einnahmeseite unter Druck sei. Als Forderung der Gewerkschaftsseite nennt Philipp Cueni ein Bewusstsein dafür, dass Qualitätsjournalismus als Kerngeschäft wahrgenommen werden muss. Der Staat sollte sich ebenfalls engagieren (sei dies durch steuerliche Entlastungen, verschiedenartige Förderungen o.a.). Zu Gunsten von gutem Journalismus appelliert er dafür, Abstand von der Idee zu nehmen, dass Renditen um 15% realisiert werden müssen. „Den Wert der journalistischen Qualität müssen die Verleger sich etwas kosten lassen.“ Und an die eigene Zunft richtet er die Botschaft: Auch wenn es anstrengend und aufwändig ist. Es gilt, das Ziel des Qualitätsjournalismus zu realisieren. Diesen zu liefern und einzufordern.

Lokale Titel liefern hervorragende Qualität

21.10.2009
Hanspeter Lebrument

Hanspeter Lebrument

Hanspeter Lebrument

Verleger Südostschweiz Medien
Präsident Verband Schweizer Presse

Wenn zur Zeit von Medien die Rede ist, sind Begriffe wie Krise nicht weit. Die Schweizer Medienlandschaft besteht aus einer Anzahl von tausenden von Titeln und Sendern. Wahrgenommen werden nur wenige, grosse Häuser. Diskutiert wird ihre Situation. Die Lage der Kleinen, die diese Landschaft stark beleben, scheint weniger interessant.

Hanspeter Lebrument will nicht einstimmen in die gehörten, pessimistischen Töne. Kleine und kleinste Medienanbieter haben auch in der Schweiz ihre Schwierigkeiten. Von der Strukturkrise sind sie aber weniger betroffen. Tausende von kleinen und mittleren Medien haben kaum Leser, Hörer, Zuschauer und User verloren. Auch die Werbekunden bleiben ihnen treu. Er sei immer wieder erstaunt, wie gut der Rucksack dieser Regionaljournalisten gefüllt sei, so Lebrument.

Von einzelnen Auswüchsen abgesehen sehe er die Qualität des Journalismus in der Schweiz nicht in Gefahr. Die Ausbildungslandschaft habe sich gewaltig verändert. In die Ausbildung von Journalisten sei massiv Geld geflossen. Praktisch in jedem Landesteil könnten sich Journalisten fundiert ausbilden lassen. Anders als wir kommen diese Jungen gut vorbereitet in den Redaktionen an. Das Niveau der «Beginners» ist heute viel höher als früher.

Schon in seinen jüngeren Jahren seien die Alten überzeugt gewesen, dass die jüngere Generation die journalistische Qualität nicht pflegten. Diese Melodie ist bis heute zu hören, was nicht beweist, dass die Befürchtung stimmt. Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil.

„Der Qualitätsjournalismus in den USA ist akut gefährdet“

21.10.2009
Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl

Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl

Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl, Universität Lugano

„Ich fürchte, ich habe einige Hiobsbotschaften für Sie“, so die vielsagende Einleitung von Russ-Mohl, mit Blick auf sein bevorstehendes Portrait der amerikanischen Medienszene.

In den USA habe sich die Problematik, wie sie von vielen Referenten der Comdays geschildert worden sei, noch zugespitzt. Professor Russ-Mohl umreisst die Trends im amerikanischen Journalismus mit dem „Bermuda-Dreieck von Publika, Werbung und PR.“ Stärker noch als in Europa wanderten journalistische Produkte ins Internet ab. Und die Werbung folgt ihnen natürlich. Das wichtige Kleinanzeigengeschäft (generierte einst 40% der Werbeinnahmen bei Tageszeitungen) sei fast verschwunden. Dahin, wo längst auch 40 Millionen Amerikaner sind. Bei Craiglist im Internet.

Der Qualitätsjournalismus in den USA sei akut gefährdet, Zeitungen befänden sich in der Todesspirale. Namhafte Titel seien verschwunden. Ob in Boston und San Francisco künftig überhaupt noch eine Tageszeitung gedruckt wird, stehe in den Sternen. Die Auflagenrückgänge gingen mit einem markanten Verlust an Glaubwürdigkeit einher. Skepsis gegenüber der Arroganz und der Macht der Mainstream-Medien sei in den USA weit verbreitet. Und die Reaktion der Verlage? Es wird rigide gespart, Redaktionen schrumpfen auf Minimal-Niveau oder kleiner. Wie sein Kollege von der Universität Zürich heute Morgen erkennt Russ-Mohl grosse verlegerische Fehlentscheidungen und Innovationsschwäche sowie qualitative publizistische Einbussen und Selbst-Kannibalisierung mit Gratis-Publika.

Die in den USA derzeit hoch gehandelten Lösungen in Form staatlicher Subventionierungen oder Stiftungen sind für Russ-Mohl aber nicht die Lösung. Viel mehr brauche es Lösungen zu Gunsten bezahltem Qualitätsjournalismus, etwa in Form von Online-Abonnements, Flatrates oder Micropayments.

Mittagspause im Kongresshaus

21.10.2009

Mittagspause hier in Biel. Wir sind aber bald zurück – mit dem Thema

Wer rettet Auftrag und Qualität des Journalismus?

Trendwende bereits geschafft

21.10.2009

Ann Axelsson

Ann Axelsson

Ann Axelsson
Week end Editor, Svenska Dagbladet, Stockholm
Magnus Gylje

Magnus Gylje

Magnus Gylje
Editor K, Svenska Dagbladet, Stockholm

Die allgemein gültige Lösung für das Überleben der Printmedien könnten sie nicht präsentieren, leiten die beiden Schweden ihr Referat ein. Was sie vorstellen, erzählt aber von einer faszinierenden Wandlung, die Mut macht.

Wie alle anderen Titel kämpfte auch Svenska Dagbladet mit sinkenden Leserzahlen. Die Zeitung galt als sperrig und selbstgefällig. Dieses Image wollte korrigiert sein, sie wurde auf Boulevard getrimmt. Mit wenig Erfolg. In der Folge wurden die Leser intensiver befragt. Heraus kam, dass die Leserinnen und Leser unter der Woche nicht die Zeit finden, alle Inhalte (die sie interessieren) zu bewältigen.

Die Ausgaben unter der Woche wurden gestrafft, werden inhaltlich kompakter aufbereitet. Komplexe Sachverhalte werden mitels Grafiken und Infografiken dargestellt. Der Aufwand für die Gestaltung des Svenska Dagbladet ist relativ hoch, der Titel gewann dafür einige Preise. Noch verstärkt gilt diese Feststellung für die Wochenend-Ausgaben, die Leser wie Fachleute schon rein optisch begeistern.

Die Wochenend-Ausgaben erscheinen als Magazine mit Namen «K», die gezielte Schwerpunkte setzen und Themen vertieft behandeln. Am Wochenende finden Leser die Zeit, sich damit zu beschäftigen. Die Inhalte sind nicht zwingend tagesaktuell, sie behalten ihren Wert über das Wochenende hinaus.

«K» erscheint am Freitag, Samstag und am Sonntag. Jeder dieser Tage hat eigene Schwerpunkte:
Freitag – Kultur, populäre Kunst, Food & Wein
Samstag – Literatur, Mode
Sonntag – Kultureller Lifestyle, Reisen, Gesundheit

Ziel sei es, die Leser mit der Auswahl der Themen immer wieder von Neuem zu überraschen. Befragungen zeigen, dass die Magazine anklang finden. 50% der Leser urteilen, dass sich Svenska Dagbladet verbessert habe. 30% finden den Titel nach wie vor gleich gut. Experten zeichneten Svenska Dagbladet als Europas bestgestalteten Titel aus. Entgegen dem Trend ist die Leserzahl markant angestiegen.

„Unser Businessplan ist die gute Story“

21.10.2009
Peter Knechtli

Peter Knechtli

Peter Knechtli, Gründer und Chefredaktor von OnlineReports.ch

Peter Knechtli, ehemaliger Print-Journalist, startete das Projekt OnlineReports.ch vor elf Jahren. Ohne Fremdkapital, dafür mit dem Luxus weit reichenden Neulands im Web, auf dem, so sagt Knechtli heute, man alles falsch gemacht habe. Einen Businessplan gab es nicht. Ausser der Mission: Wir liefern die gute Story. Aber man habe sich entwickelt und so könne er, einziger Festangestellter, sich heute einen branchenüblichen Lohn zahlen und sogar Steuergeld an den Kanton Basel-Stadt abführen.

Knechtli und sein Team von zehn freien Online-Journalisten wollten nie Werbevermarkter sein, sondern das bleiben, als sie sind: Journalisten. Man wolle sich bei OnlineReports nicht an Klicks messen lassen. Herzblut und gutes Handwerk führten zu redaktionellen Leistungen, die das Publikum wahrnehme und letztlich auch zu existenzsichernden Werbeeinnnahmen führe. Die mögliche Einflussnahme durch die Existenzsicherer wird, so Knechtli, selbstredend konsequent verweigert.

Leichtfüssig, flexibel und unmittelbar sei er, der Online-Journalismus. Knechtli ist froh, dass das Thema Redaktionsschluss oder Deadline für ihn nicht mehr relevant ist. „Einen guten Einfall können wir sofort umsetzen.“ Offenbar hatte das Online-Publisher-Team davon eine Menge. Die Visits auf dem Basler Portal starteten bei 600 und erreichen heute 50‘000. Man backe aber immer noch kleine Brötchen, fügt Peter Knechtli sofort hinzu.

Fairness, Wahrhaftigkeit und Quellenschutz betrachte man bei OnlineReports als essentiell. Zwischen Politanalyse und Dorfstory packe man auch internationale Themen wie Menschenrechte, Islam oder Integration an. Unterlassungen seien aber auch nötig, wenn man nicht im Wust des kritiklosen „Vermutungs- und Konjunktiv-Journalismus“ untergehen wolle. OnlineReports setze daher konsequent auf redaktionelle Eigenleistungen und verzichtet, beachtlich, sogar auf die Zusammenarbeit mit Nachrichtenagenturen.

20 Minuten: Erfolgsbeispiel auch in der Krise?

21.10.2009
Marcel Kohler

Marcel Kohler

Marcel Kohler

Geschäftsleiter 20 Minuten AG

«Der Erfolg wurde 20 Minuten nicht in die Wiege gelegt», erinnert Marcel Kohler. Der Empfang sei nicht eben herzlich gewesen. Auch er selber habe das Geschäftsmodell damals kritisch hinterfragt. Heute erscheint der Titel in zwei Sprachen und acht Lokalausgaben (Totalauflage 710’000 Ex./Tag, fast 2 Mio. Leser).

Die Krise im Werbemarkt («die gibt’s!») ist auch an 20  Minuten nicht spurlos vorbei gegangen. Allerdings sei 20 Minuten vom Rückgang im Werbemarkt weniger stark betroffen – und er setzte relativ spät ein. Im Gegensatz zur abonnierten Presse, die an Reichweite verliert, legt 20 Minuten bei der Reichweite konstant zu: «Insgesamt wurde noch  nie so viel Zeitung gelesen wie heute.» Am meisten Leser erreicht 20 Minuten bei den 14- bis 19-Jährigen. «Die Tatsache, dass die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen wieder Zeitung liest, beantwortet die Frage nach der Legitimierung des Titels», so Kohler nicht ohne Stolz.

20 Minuten erreicht also eine hoch attraktive Lesergruppe und profitert davon bei den Werbekunden. Der Werbemarkt-Krise könne man also durchaus begegnen. Kontinuierliche Innovation sei deshalb das Ziel. Ein anderes die Expansion in neue Märkte. So hat Tamedia mit 20 Minuten zwei Mal Sprachgrenzen überschritten (Romandie, Luxemburg). Business Extension: Das People-Magazin «Friday» gelingt es – nach «unerwartet langer Schwangerschaft» – die Leser zu erreichen.

Teil der Innovation sei, nebst 20 Minuten online, das Mobile-Geschäft, welches konsequent vorangetrieben werden. Online bietet 20 Minuten lokale News mit erstaunlicher Tiefe an. Dies nicht zuletzt mit der Absicht, auch lokalen Werbekunden eine Plattform anzubieten. iPhone-User können (danke einer speziellen App) bald acht TV-Programme empfangen. Diese Dienste sind kostenpflichtig.

Entgegen den Vorurteilen habe 20 Minuten nicht allein deshalb Erfolg, weil die Zeitung gratis sei. 20 Minuten werde mittlerweile von mehr «Leadern» gelesen als der Tages-Anzeiger oder die NZZ. Aussagen und Meinungen aus der Branche zu 20 Minuten hätten sich stark geändert, konstatiert ein zufriedener Geschäftsleiter der meistgelesenen Zeitung der Schweiz.

„Geld mit Inhalten ist im Internet kaum zu verdienen“

21.10.2009
Walder-Marc

Marc Walder

Marc Walder, Geschäftsführer Ringier Schweiz

Die radikalen Veränderungen im Medienmarkt kamen nicht schleichend, sie erreichten die Verlagshäuser rasch. Sehr rasch. Hinzu kam die konjunkturelle Krise. Beides zusammen mischte sich zu einem gefährlichen Cocktail. Für viele Printprodukte sogar zu einem tödlichen. Die Liste der beerdigten Titel sei lang, so Marc Walder. Gut möglich, dass das Jahr 2009 als schwärzestes in die Geschichte eingehe. Natürlich habe diese Entwicklung Spuren hinterlassen. In der Schweiz verloren seit 2008 rund 600 Journalisten ihren Job, Verlage schlossen sich zusammen. Zeitungen und Zeitschriften blieben zwar wichtig für Schweizer und Schweizerinnen. Aber: Die Auflagen befänden sich im Sinkflug. Die Zeit, die Mediennutzer heute im Internet verbrächten, fehle auch dem Hause Ringier. Und: Kaum ein Verlag könne heute im Internet mit Werbung profitabel sein, sei doch der Werbemarktanteil noch immer verschwindend klein. Den Löwenanteil sichere sich bekanntlich der Gigant Google. Walder erkennt eine grosse Herausforderung darin, Online-Inhalte profitabel zu vermarkten.

Die jüngst vereinbarte so genannte Hamburger Erklärung sei bedeutend. Es geht um den essentiell wichtigen Schutz geistigen Eigentums.

Mögliche Strategien der Zukunft? „Entweder Sie heissen TA Media und kaufen erst Bern und dann die Romandie oder Sie diversifizieren.“ Das Wort Diversifizierung bringt den Ringier-Chef am Schluss seines Referats sichtbar in Visionslaune. Er führt den Daily Telegraph, Premiumtitel in England, an. Dieser verkaufe inzwischen neben Qualitätsjournalismus Reisen, Tulpen, handgefertigte Schuhe und mehr. Ein Drittel des Gewinns mache dies beim Telegraph inzwischen aus. Folge: Keine Abstriche in der publizistischen Infrastruktur waren notwendig. Auch Ringier werde die Strategie der Diversifikation gehen, macht Walder klar.

Krise oder neue Realität in den Medien?

21.10.2009
Hans-Peter Rohner

Hans-Peter Rohner

Hans-Peter Rohner

CEO and Chairman PubliGroupe AG

Die Weltwirtschaftskrise hat gravierende Auswirkungen auf die Einnahmen der Medienhäuser. Der Aufschwung wird prognostiziert. Verleger dürfen aber nicht automatisch damit rechnen, dass sie bei gleichen Leistungen wieder mehr verdienen werden.

Die Mediennutzung hat sich grundsätzlich verändert. Zwischen jungen und älteren Menschen gibt es dabei Unterschiede. Eine Gemeinsamkeit aller Nutzergruppen ist, dass ein Grossteil der Nutzer den ganzen Tag online ist. Internet ist in alle Lebenslagen eingedrungen. Der Kampf um Zeit und Aufmerksamkeit der Mediennutzer wird immer gnadenloser.

Die Einnahmen pro Nutzer sind bei Online-Medien um ein vielfaches tiefer als bei klassischen Medien. Wie sich unter diesen Voraussetzungen rentable Business-Modelle gestalten lassen, ist und bleibt die grosse Herausforderung.

Werbung wird zunehmend als Investment gesehen. Honorare für Agenturen, aber auch die Ausgaben für die Verbreitung von Werbung werden immer mehr an Resultate gebunden. Die Preismodelle beinhalten immer öfter Kommissionen. Im Klartext: Geld gegen messbare Leistung. Ein weiterer, neuer Faktor für die Preisgestaltung, ist der Zeitpunkt, zu dem der Werbeplatz gebucht wird. Ähnlich den Preismodellen der Fluggesellschaften, wo zwei Sitznachbarn sehr unterschiedliche Preise für die gleiche Leistung bezahlen.

Preismodelle werden in Zukunft in immer kürzeren Abständen überarbeitet werden müssen. Klug kalkulierenden, innovativen Medienunternehmen gehöre die Zukunft. Die Herausforderungen seien spannend wie nie zuvor, so Hans-Peter Rohner.

„Die Tagespresse verweigert sich dem dringend notwendigen Qualitäts-Kurs“

21.10.2009
Prof. Dr. Otfried Jarren

Prof. Dr. Otfried Jarren

Prof. Dr. Otfried Jarren, Prorektor Universität Zürich

Der Ordinarius für Publizistikwissenschaft sieht weder eine Medienkrise noch eine Demokratiekrise. Wohl aber eine markante Krise der Tageszeitungen und vor allem dessen Verlagsmanagement. Die Krise sei also konjunkturell aber eben auch institutionell. Hausgemacht also. Jarren findet klare und höchst kritische Worte an die Adresse der Tageszeitungs-Verlagschefs. Die Tagespresse gehe zu wenig auf die Bedürfnisse unserer hochdifferenzierten Wissensgesellschaft ein. Mit Unverständnis stellt Jarren fest, dass die Branche sich einem dringend notwenigen Qualitätskurs verweigere.

Auch findet er keine wirksame oder erkennbare Arbeit an der Markenbildung zu Gunsten der Tagespresse. Alleinstellungsmerkmale? Fehlanzeige. Der Branche sei es offenbar zu lange zu gut gegangen, sowohl wirtschaftlich als auch mit Blick auf Regulierungsprivilegien. Eine markante Innovationsschwäche sei jetzt die Folge. Jetzt wolle man den Weg einer Multimedia-Strategie gehen. Das aber überfordere die Verlage. Aufkaufen, Verdrängen oder die forcierte Lancierung von Gratis-Presseprodukten seien weitere – falsche – Wege aus dem Dilemma. Jarren empfiehlt den Tageszeitungs-Machern dringend, die Kräfte in qualitativ hochwertige Publizistik zu investieren. Man müsse zu einem „Qualitäts-Pakt“ mit dem Publikum kommen. Heisst: Publizistischen Wert schaffen, für den das Publikum bereit ist, angemessen zu zahlen. Die konjunkturelle Krise biete letztlich den Verlagen die Chance, ihre Strukturen anzupassen. So gesehen, könnte die aktuelle Wirtschaftskrise heilende Wirkung haben.

Willkommen in Biel …

21.10.2009

zu Tag 2 der Comdays ’09.

Krise oder neue Realität in den Medien? Dieser Frage widmen sich heute Morgen drei Referenten. Wir starten in Kürze mit dem Referat von Prof. Dr. Orfried Jarren, Prorektor der Uni Zürich.

Danke für Ihr Interesse und bis nachher.

Stefan Scherrer & Sabine Ingwersen

Sabine Ingwersen

Sabine Ingwersen