Was ändert sich für den klassischen Journalismus?

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Paneldiskussion, Teilnehmer:

Dominique von Burg Président Conseil suisse de la presse
Roger de Weck Publizist
Markus Somm Stv. Chefredaktor «Die Weltwoche»
Catherine Duttweiler Chefredaktorin «Bieler Tagblatt»

Moderation:
Christine Maier Schweizer Fernsehen, SF, Zürich

Dominique von Burg: Die Zunahme von Beschwerden zu Persönlichkeitsverletzungen hat zu tun, dass Inhalte an Personen festgemacht werden. Diese Rügen haben rein moralische Konsequenzen, zu Bussen werden die Journalisten nicht verurteilt. Sitzungen des Presserats waren nicht öffentlich, für Journalisten haben wir sie teilweise geöffnet. Unsere Tätigkeit ist aber nicht mit einem Gericht zu vergleichen.

Catherine Duttweiler: Wir geben uns grosse Mühe, jeden Tag eine überraschende, überzeugende Zeitung zu machen. Wir bewegen uns hier in einer beinahe «Googlefreien Zone», wir können hier in die Tiefe gehen. Mehr jedenfalls als ganz grosse Titel. Da haben wir eine besondere Position. Einsparungen mussten auch wir machen, haben die Effizienz gesteigert, wollen aber die Qualität halten. Seit drei Jahren müssen unsere Journalisten alle auch für die Online-Publikation arbeiten. Wir versuchen beide Plattformen so zu nützen, dass sie sich gegenseitig ergänzen.

Markus Somm: Die Weltwoche schreibt schwarze Zahlen, auch wenn wir einen grossen Rückgang bei den Inseraten hinnehmen mussten. Wir haben schon früh Personal abbauen müssen. Das hat gute Leute getroffen, das schmerzt.

Roger de Weck: Die Entwicklung der Wochenzeitung «Die Zeit» ist ein Gegenbeispiel zu vielem, was wir heute gehört haben. Sie registriert steigende Leserzahlen. Das stimmt zuversichtlich. Wenn eine Publikation fest mit der Region verhaftet ist, wenn sie quasi unverzichtbar ist (wie das Bieler Tagblatt), ist das eine grosse Chance. Auch gebührenfinanzierte, elektronische Medien sind sehr krisenresistent und sind so ein Hort für journalistische Qualität.

Markus Somm: Eigentlich ist jetzt eine gute Zeit für die Branche. Wir sind gezwungen, von gewissen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Um die Leser müssen wir uns intensiver kümmern, sie sind unsere Kunden. Bisher galt die Aufmerksamkeit eher den Werbekunden.

Roger de Weck: Die Branche kann mittelfristig Geld verdienen, wenn die Titel in eigene Recherchen investieren. Wer die Informationen hat, wird sie verkaufen können. Eine Zeit lang wurde viel Aufwand betrieben, um vorhandene Informationen zugänglich zu machen. Ich plädiere dafür, weniger zu machen; das dafür gut. Das heisst aber auch, dass man gewisse Themen fallen lassen muss, auch wenn das wehtut. Eine Zeitung muss, wie ein Gesprächspartner, um die Gunst, um die Aufmerksamkeit buhlen. Dafür muss sie spannend sein. Wer ein Profil hat, kann zulegen ohne exzessiv Marketing zu betreiben.

Dominique von Burg: Ich bin pessimistisch, wenn ich sehe, dass alle mehr oder weniger über das gleiche berichten. Gefragt ist Mut, von den Verlegern, in den Chefetagen. Was von dort kommt, führt bisher oft zu einer Standardisierung. Die Journalisten sollten den Mut haben, Originelles vorzutragen und dafür auch gegen allfällige Widerstände einstehen.

Catherine Duttweiler: Für viele Menschen gehört es nach wie vor zum täglichen Ritual, eine Zeitung in die Hand zu nehmen. Der Spagat besteht darin, Jüngere mitzunehmen und die Älteren als Leser zu behalten. Veränderungen, wie zum Beispiel Kostenpflicht einführen (iApps etc.), braucht Mut. Aber sie sind ein Weg, jüngere Leser an die Marke zu binden.

Markus Somm: Wenn ich lese, dass das neue Buch von Dan Brown, als Erstauflage (deutsch) in 1,2 Millionen Exemplaren erscheint, sagt mir das, dass die Leute nach wie vor gerne lesen. Gelesen wird auch noch in achttausend Jahren. Information ist wichtig, da sind wir uns alle einig. Glaubwürdige, gut gemachte Information ist nicht einfach zu machen. Der einzelne Journalist braucht auch den Mut, Dinge zu verfolgen, die der Kollege nebenan vielleicht nicht so «hübsch» findet.

Dominique von Burg: Marktforschung darf nicht immer der alleinige Massstab sein. Die kennen den Leser nicht wirklich.

Markus Somm: Die Leute wollen Geschichten hören und lesen. Die Journalisten müssen an ihre eigenen Leistungen glauben.

Roger de Weck: Tendenziell sind die guten Zeitungen in Europa besser geworden, die schlechteren eher schlechter. In dem Augenblick, als die Globalisierung an Wucht gewann, haben sich viele Medien wieder auf die lokale Berichterstattung konzentriert. Und zwar aus kommerziellen Interessen, das ist verwerflich. Nicht, weil der Leser sich nicht für internationale Themen interessiert. Das Informationsdefizit kann gefährlich sein. Umgekehrt werden unbedeutende Ereignisse gross abgefeiert oder sogar inszeniert. Diesen billigen Strategien müssen wir entgegenwirken.

Markus Somm: Wenn wir Geschichten aufbauschen, die nicht relevant sind, nehmen wir den Leser nicht ernst.

Christine Maier: Kennen wir die Leser noch?

Catherine Duttweiler: Ich glaube, dass ich die sehr wohl kenne. Ich bin mit ihnen im Kontakt. Das bringt mir mehr als Auswertungen wie «Reader Scan.» Wir müssen wir mit den Lesern in Dialog treten.

Christine Maier: Ist Qualität eine Frage des Geldes?

Dominique de Weck: Wenn man Geschehen gewichten will und das kompetent machen will, braucht es dafür genügend Personal. Wirklich leisten werden sich das nur wenige können. Man kann sich aber auf Themen konzentrieren, Schwerpunkte setzen.

Markus Somm: Wir müssen aufpassen, dass die wirklich guten Journalisten nicht in andere Berufe abwandern, wo sie mehr verdienen. Bundeshaus und Lokales sind das Rückgrat jeder Zeitung in der Schweiz. Da darf man nicht abbauen. Wenn Journalisten über viele Jahre im Bundeshaus präsent sind, ist das enorm viel wert. Aber das kostet etwas, wenn solche Berufsleute nicht abspringen sollen.

Roger de Weck: Wenn ein ehrgeiziger Journalist für die Weltwoche nach Afghanistan geht und die ultimative Geschichte, den ultimativen Schlüssel zum Verständnis liefert, dann ist das einfach unheimlich viel wert. Möglich ist das kaum mehr.

Dominique von Burg: In all dem was geschieht, braucht es jemanden, der Ordnung schafft. Dafür braucht es aber nicht zweihundert Redaktionen für zweihundert Zeitungen. Aber Leute, die sich im Ausland bewegen, die verstehen was geschieht, die braucht es. Vieles lässt sich rationalisieren, anderes sollte man bewusst ausbauen.

Catherine Duttweiler: National und regional können wir viel mehr bewegen. Ich setze mich auch dafür ein, dass am MAZ der Regionaljournalismus einen höheren Stellenwert erhält.

Markus Somm: Die Kernaufgaben der Presse sind seit ewig die gleichen. Die Leser wollen Fakten, das müssen wir liefern.

Roger de Weck: Die Leser haben unterschiedlichste Bedürfnisse. Wer sich nicht nur darauf konzentriert, ein gefälliges Produkt anzubieten, wird Erfolg haben. Wichtig ist eine deutlich wahrnehmbares, unverwechselbares Profil.

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