„Da sitzen wir also und schauen auf die Krise“

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Joschka Fischer

Joschka Fischer

Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Aussenminister, heute Unternehmensberater, u.a. bei BMW als Berater für nachhaltige Produktentwicklung.

Fischer macht die Rahmenbedingungen des Kongresses gleich zu Anfang klar. Die Mobilfunkindustrie ist jung und zählt zu den wichtigsten weltweit mit unvergleichlichen Umsatzzuwächsen. Allein die Europäische Union zählt mehr mobile Anschlüsse als Einwohner (Fischer selbst bezeichnet sich auf Anfrage der Moderatorin als „Apple-Typ“). Im Zentrum des Referats aber steht die Dynamik der globalen Entwicklung. So wirft Fischer einen Blick auf die künftige Population. Was treibt in Zukunft diese neun Milliarden Menschen an? Für Fischer ist ebenso klar wie moralisch berechtigt: Alle wollen künftig den westlichen Lebensstandard. Wie aber soll das gehen? Natürlich braucht es eine reduzierte Lebensweise aller – völlig klar. Notwendig sei vor allem ein neues Mobilitätsverhalten, neue Lösungen für die Deckung einer gigantischen Energie-Nachfrage, insbesondere in den Schwellenländern – allen voran China und Indien. Deren Heimatmarkt wird bekanntlich zu einer bedeutenden wirtschaftlichen Grösse. Wenig Freude hat Fischer an der derzeitigen Haltung Europas. Trotz hervorragender Ausgangsposition betrachte man die Dynamik der Schwellenländer aus der europäischen Defensivperspektive. „Unser Problem ist unsere Geisteshaltung, nach dem Motto: Da sitzen wir also und schauen auf die Krise.“ Welche Weichen sind zu stellen? Die Bereitstellung preiswerter Energie sei wesentlich. Falsch hingegen seien Preissignale, die Energie zu Schleuderpreisen bereitstellten, wie in der Reagan-Ära in den USA geschehen. „Wir sind gewöhnt, Energie – vor allem wenn billig – zu verschwenden. Das wird künftig nicht mehr funktionieren“.

Mit Blick auf Deutschland verweist der ehemalige Grüne Aussenminister auf beachtliche Erfolge im Bereich der erneuerbaren Energien. “ Selbst in meinen grünsten Träumen, hätte ich nicht erwartet, dass wir so schnell so grosse Erfolge haben würden.“ Diese Wettbewerbsvorteile dürfe man nun in der neuen Regierungskoalition nicht aufgeben. Aber eben: Alle internationalen Entwicklungen fänden nicht im machtfreien Raum statt. Ganz im Gegenteil. Das wisse man auch in China und anderen aufstrebenden Schwellenländern. Hier spiele die Nachfragemacht  eine bedeutende Rolle. „Im 21. Jahrhundert wird der Wettbewerb für uns sehr viel härter.“ Nicht nur die Schweiz werde für diesen Wettbewerb künftig zu klein. Auch Deutschland oder Frankreich. Darum ist für Fischer klar: „Da, wo es um einen gemeinsamen Markt geht, müssen wir zusammen handeln.“  

Und eine andere interessante Frage wirft Fischer auf. Sollte man es privaten Unternehmen überlassen, die globale Kommunikationsindustrie zu steuern? Könnte globales Wissen vielleicht durch eine „globale Agentur“ besser definiert und gesteuert werden? Hierüber erwartet Fischer eine baldige, rege Diskussion. Ausgelöst durch – wen sonst – Google.  

„Ängste sollten wir hinter uns lassen, den Blick auf die Chancen richten.“ Nie, so Fischer sei die Freiheit zum Handeln so gross gewesen. Inder, Chinesen seien im Kommen. So weit so legitim. Aber die europäischen Ländern besässen einen beträchtlichen Vorsprung. Eine Spitzenposition, die es selbstbewusst und angstfrei zu verteidigen gelte. Vorne bleiben heisse: Besser Up-to-Tomorrow als Up-to-Date.

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